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Die französisch-marokkanische Künstlerin Latifa Echakhch wirft in ihrem künstlerischen Werk Fragen nach Nationalität, Staat, Gesellschaft, Religion, Geschichte und kulturellem Erbe auf. Echakhchs Arbeiten sind formal konzipiert, setzen aber gleichzeitig auf eine sinnlich erfahrbare Ästhetik. Sie gebraucht häufig das Symbolische als Bedeutungsträger, so dass sich hinter deren formaler Erscheinung tiefer greifende politische, religiöse und soziale Auseinandersetzungen offenbaren.

Mit ihrer speziell für die Kunsthalle Fridericianum konzipierten Ausstellung Les sanglots longs, Latifa Echakhchs erster Einzelpräsentation in Deutschland, kreiert sie eine faszinierende Verschmelzung von literarischen Aspekten mit installativen Objekten und Musik. Die Ausstellung lebt von der Verwendung unterschiedlicher künstlerischer Medien und beschäftigt sich mit der Zeit, deren inhärenter Dauer und mit ihrem Vermögen, historische Ereignisse zu markieren und Prozesse zu initiieren. Beginn und Ende, Abschnitt und Abgeschlossenheit, aber auch die Wiederholung und die Endlosigkeit sind die zentralen Eigenschaften der Zeit, die in Les sanglots longs installative, zeichnerische, poetische und musikalische Umsetzungen finden. Den Titel Les sanglots longs entlehnte die Künstlerin der ersten Zeile von Paul Verlaines melancholischem Herbstgedicht „Chanson d’automne“. Die einzelnen Arbeiten der Ausstellung verweisen auf unterschiedliche historische und politische Ereignisse sowie deren Einfluss auf die Geschichtsbildung. Sie stehen für sich, sie ergänzen einander und sie verweisen auf geschichtliche Chronologie.

Die Installation Chambre (2009), bestehend aus Keilen aus Schaumstoff und Beton, erstreckt sich über den gesamten Hauptflügel der Ausstellung und steht sowohl in enger Korrespondenz zu der großen Wandarbeit Resolutions Variation (2009) als auch zu der Soundarbeit unter gleichem Titel (August 2009).
Die Wandarbeit besteht aus Ziffern, die mit Kohle gezeichnet wurden und die gesamten Wandflächen der Ausstellungsräume bedecken. Die Zahlen stehen im Kontext der UN-Resolutionen, die seit 1946 die Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina begleiten. Analog hierzu bilden diese Nummerierungen die Basis für die Klavierkomposition, die als Soundarbeit in beiden Räumen der Ausstellung zu hören ist. Sie wurde von der Komponistin Qin Huang nach Schönbergs Zwölftontechnik verfasst und ermöglicht in ihrer Form als experimentelles Musikstück eine weitere Ebene der thematischen Veranschaulichung. Im Sinne dieser Kompositionstechnik haben alle Noten eine gleichberechtigte Stellung. Das Tonsystem auf Klavier bietet zwölf Töne, auf die die Ziffern 0 bis 9 verteilt sind. Den zwei verbleibenden Tönen sind in Intervallen diejenigen Jahre zugeordnet, in denen keine Resolutionen verabschiedet wurden. Die Komposition selbst stellt den Beginn einer prozessualen Arbeit dar, die erweitert wird, sobald weitere Resolutionen erteilt werden. Ihren Abschluss findet sie erst mit einer endgültigen Lösung des Konflikts. Die zu Inseln gruppierten Keile stehen dem Auditiven gegenüber. Indem sie den Klang absorbieren, verweisen sie unter anderem auf Endlosigkeit, eine weitere Form aus dem vielfältigen Repertoire der Zeit.

Die Bezüge zu Merkmalen der Zeit, zu zeitlichen Markierungen, zu Prozessen, Abläufen oder dem Phänomen der Endlosigkeit werden von den weiteren Aspekten der Ausstellung untermauert. So sind die abgenutzten Bänke der Arbeit Kasseler Parkbänke (2009) selbst von der Zeit und den Geschichten ihrer vielen zeitweiligen Benutzer gezeichnet. Trotteuse (1999) ist der Sekundenzeiger einer öffentlichen Uhr. Demontiert und in den Kontext von Les sanglots longs eingefügt, deutet er auf zeitliche Zwänge, die während der Industriellen Revolution in besonderer Weise aufkeimten. Darüber hinaus erinnert Latifa Echakhch mit Sans Titre (La Dégradation) (2009) an die brisante Affäre um den französischen Offizier Alfred Dreyfus, der unschuldig an dem Landesverrat war, für den er öffentlich angeklagt, degradiert und verbannt wurde und so zum Opfer der antisemitische Haltung des damaligen Frankreichs wurde.

Latifa Echakhch


Latifa Echakhch wurde 1974 in El Khnansa, Marokko, geboren und ist in den französischen Alpen aufgewachsen. Sie lebt und arbeitet in Paris und Martigny, Schweiz.

Zu ihren aktuellsten Einzelausstellungen zählen Pendant que les champs brûlent – Part II in der Galerie Kamel Mennour, Paris (2009), Speaker’s corner in der Level 2 Gallery, Tate Modern (2008) und Il m’a fallu tant de chemins pour parvenir jusqu’à toi in Le Magasin, Grenoble (2007).

Seit 2005 ist die Künstlerin an verschiedenen renommierten Gruppenausstellungen beteiligt. Hierzu gehören die Manifesta 7, Trentino und Südtirol (2008), Shifting Identities, Kunsthaus Zürich (2008), Global Feminisms, Brooklyn Museum, New York (2007) sowie die 1. Thessaloniki Biennale (2007), Strategies of Learning, Periferic 7 - Periferic Biennale, Iasi (2006) und die 3. Tirana Biennale (2005).

2009 wird die Künstlerin ihre ersten Einzelausstellungen in Deutschland präsentieren. Fast gleichzeitig zu ihrem neuen Projekt in der Kunsthalle Fridericianum zeigt die Künstlerin mit dem Titel Partitas eine zweite Einzelausstellung im Bielefelder Kunstverein (5. September bis 25. Oktober 2009). Noch in diesem Jahr folgen Soloshows in Mailand und New York sowie die Beteiligung an der 10. Lyon Biennale. Im Jahr 2010 wird Latifa Echakhch im MACBA, Barcelona, im FRAC Champagne-Ardenne und im GAMeC in Bergamo ausstellen.
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